Buchbesprechung: Ambivalenz und Beratung. Struktur von Ambivalenz und mediationsanaloges Bearbeiten

 

Buchbesprechung: Maik Bäumerich (2016). Ambivalenz und Beratung. Struktur von Ambivalenz und mediationsanaloges Bearbeiten. Norderstedt (BoD-Books on Demand), 163 S., € 23,90, ISBN 978-3-7412-9416-7

 

Nach Dr. Bäumerich hat Systemische Beratung als Ziel das „Schaffen von Wahlmöglichkeiten“ (S. 39) – entsprechend dem „ethischen Imperativ“ von Heinz von Förster: „Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird!“.

Wenn Systemische Beratung es per se als nützlich und hilfreich versteht, mit dem Klienten gemeinsam neue (zusätzliche) Handlungsspielräume, Handlungsoptionen und damit Entwicklungsmöglichkeiten zu erschließen, dann wird das o.g. Zitat von Heinz von Förster in der Richtung verstanden, dass zusätzlich Wahlmöglichkeiten in eingeschränkten oder unterkomplexen Problemlagen nützlich sein können.

Dr. Bäumerich stellt hier nun die Frage, was es bedeutet, wenn in der Beratung nicht der Mangel, sondern ein Überangebot an Möglichkeiten für die Schwierigkeiten des Klienten ursächlich sind, der sich in den vielen (auch im Beratungsprozess geschaffenen) Möglichkeiten verstrickt.

Damit wird der ethische Imperativ dahingehend gesehen, dass in überkomplexen Problemlagen eine zusätzliche Wahl darin bestehen könnte, Möglichkeiten wegzulassen (eine Komplexitätsreduktion einzuführen) – weniger wäre dann mehr.

Der Fokus des Buches liegt dabei auf dem Aspekt der „Ambivalenz“, wenn für den Klienten gleichwertige Möglichkeiten vorliegen und eine Entscheidung für die eine und gegen die andere(n) nicht möglich ist.

Dr. Bäumerich beginnt mit der Frage, was Ambivalenz eigentlich ist, geht weiter zur Betrachtung von Di-, Tri- und Tetralemma hin dazu, welche Möglichkeiten sich aufgrund der Struktur von Ambivalenz daraus für die Beratung ergeben. Es werden drei methodische Vorgehensweisen exemplarisch dargestellt und kritisch betrachtet. Darauf aufbauend werden ein viertes Vorgehen (analog zur Mediation) und fünftes Vorgehen (emotionaler Bezugsrahmen) skizziert, mit dem die in den ersten drei Vorgehensweisen dargestellten Begrenzungen überwunden werden sollen.

Ambivalenz nimmt, nach Eugen Bleuler, zwei Objekte in den Blick (S. 26). Dies genüge jedoch noch nicht, um Ambivalenz hervorzurufen: die beiden Objekte müssen auch als gleichwertig bewertet werden. Beide Objekte werden als unterschiedlich wahrgenommen, in ihrer Wertigkeit werden sie aufgelöst. Sie sind damit zugleich unterschiedlich wie gleich. Ambivalenz habe damit eine Objektebene und eine Bewertungsebene. Eine Dinglichkeit oder eine Klassenzugehörigkeit der Objekte sei dabei keine notwendige Voraussetzung für Ambivalenz, dennoch könne sich Ambivalenz nicht auf etwas Ununterscheidbares beziehen. Damit sei die Voraussetzung für Ambivalenz die Zweiseitigkeit. Die einfachste Form der Zweiseitigkeit wäre „Das“ und „Nicht-Das“; damit sei der Kern der Objektebene ein Unterschied und dieser wiederum ist das eigentliche Objekt der Ambivalenz. Auf der Bewertungsebene hingegen werde der Unterschied der Objektebene nicht mitvollzogen; in der Bewertung sind „Das“ und „Nicht-Das“ gleichwertig. „Der Kern der Ambivalenz ist somit ein aufgehobener Unterschied“ (S. 30).

Aus dem Erleben der Ambivalenz selbst ergebe sich noch keine als problematisch erlebte Ambivalenz – man könne ja wohlwollend und fasziniert den aufgehobenen Unterschied betrachten. Damit daraus ein Problem wird (und deswegen kommen Klienten ja in die Beratung), sei eine weitere wesentliche Bedingung nötig: die Notwendigkeit der Entscheidung (genauer: das Erleben des Klienten, eine Entscheidung treffen zu müssen). Werden die Alternativen als gleichwertig wahrgenommen (und eine Entscheidung damit nicht möglich ist) bei gleichzeitig Wahrgenommenen Zwang zur Entscheidung, dann entstehe für den Betroffenen eine problemerlebte Ambivalenz.

Sprachlich würde der Begriff der Ambivalenz darauf hinweisen, dass zwei (oder mehrere) Dinge als wertig, wertvoll eingeordnet werden (S. 24). Ambivalenz weise damit auf die Wichtigkeit der Optionen hin.

Für mich als (systemisch-konstruktivistisch geprägten) Leser wurde bereits hier deutlich, dass dieses (Struktur-)Verständnis von problematisch erlebte Ambivalenz mehrere Ansatzpunkte für den Beratungsprozess liefert (die Konstruktion der Unterschiedlichkeit auf Objektebene, die Konstruktion der Gleichwertigkeit sowie die Konstruktion einer Entscheidungsnotwendigkeit).

Problemhaftes Ambivalenzerleben trete v.a. in Veränderungsprozessen auf (wie Change-Prozesse, Psychotherapie, Trauerbegleitung, usw.). Ambivalenz werde damit zur Normalität. Stagnation in diesem Veränderungsprozess könne wertschätzend als Lösungsversuch verstanden werden, um das Risiko einer Verschlechterung (bei Veränderung) auszuschließen.

Bei der Frage, wie mit entscheidungsnotwendiger Ambivalenz in der Beratung umgegangen werden kann, nennt der Autor die Möglichkeiten, die in der Ambivalenz selbst angelegt sind.

Er führt an, dass es mehr Möglichkeiten gebe, als die auf der Objektebene unmittelbar sichtbaren (da unwillkürlich Möglichkeiten ausgeblendet würden), da Wirklichkeit aus Aufmerksamkeit entstehe und bei einem Dilemma (wie bei jedem Erleben) die Aufmerksamkeit bewusst und unbewusst auf die wahrgenommenen Alternativen fokussiert werde. Damit würden die anderen Möglichkeiten aus dem Blickfeld verschwinden.

Ein Dilemma sei strukturell identisch mit einer entscheidungsnotwendigen Ambivalenz und durch eine Zweiseitigkeit geprägt („wahr“ – „nicht wahr“). Das menschliche Denken finde ebenfalls innerhalb des begrenzten Bereichs der Zweiwertigkeit statt, weswegen dies das Denken in Dilemmata erleichtert und gleichzeitig ihre Überwindung erschwert (S. 63).

Wenn Wirklichkeit nun konstruiert wird, dann könne die Wirklichkeitswahrnehmung bzw. das Problemerleben auch dekonstruiert werden. Zu Recht verweist Bäumerich an dieser Stelle auf die Erkenntnisse der Hypnotherapie (nach Gunther Schmidt lassen sich alle relevanten Interventionen des Systemischen Ansatzes auf die Erickson’sche Hypnotherapie zurückführen).

Bei der problemerlebten Ambivalenz (dem Dilemma) würde nun regelmäßig eine dritte Möglichkeit (die Zeit) ausgeblendet. Die Wiedereinführung dieses ausgeschlossenen Dritten (vgl. den „Satz vom ausgeschlossenen Dritten“ der logischen Grundprinzipien) mache aus dem Dilemma ein Trilemma und biete dadurch einen Lösungsansatz auf der Handlungsebene.

Die Notwendigkeit, sich zwischen einer der dargebotenen Alternativen entscheiden zu müssen (eines der Merkmale einer problemerlebten Ambivalenz) impliziere einen Anspruch von Ausschließlichkeit der Alternativen – könnten die Alternativen gleichermaßen und gleichzeitig gewählt werden, gäbe es kein Dilemma. Damit beinhalte der Anspruch auf Ausschließlichkeit auch eine zeitliche Dimension, die der Gleichzeitigkeit. Zeit stelle daher das ausgeschlossene Dritte dar.

Da Zeit eine Grundbedingung des Daseins sei und nicht umgangen werden könne, sei sie eine Einschränkung, mit der umgegangen werden müsse; Zeit sei „somit die eigentliche Begrenzung, die in einem Dilemma erlebt wird“ (S. 71).

Ein möglicher Lösungsansatz bestehe nun in der (ausgeblendeten) Möglichkeit, dass sich die Alternativen im Dilemma zwar gegenseitig ausschließen, aber eine Verwirklichung in Reihenfolge möglich sei. Damit wird das ausgeblendete Dritte wieder eingeführt: „die Verwirklichung der Alternativen über die Zeit hinweg“ (S. 71). „Das“ und „Nicht-Das“ werden im Laufe der Zeit verbunden.

Im Anschluss daran stellt Dr. Bäumerich danach die logische Struktur von Dilemma und Trilemma mittels der Aussagenlogik dar und leitet daraus eine vierte Möglichkeit ab (aus der das Tetralemma entsteht). Es ergeben sich die drei möglichen Lösungen: Entscheidungen für (1) „Das“, für (2) „Nicht-Das“ oder für (3) „Beides“.

Wird sich nun weder für das Eine, noch das Andere, noch Beides entschieden, eröffne sich die vierte Möglichkeit, die Verneinung aller bisherigen Möglichkeiten: „In einem Tetralemma werden somit die drei wesentlichen Elemente des Dilemmas verneint, nämlich die beiden Alternativen und die Entscheidungsnotwendigkeit selbst“ (S. 73).

Das Tetralemma beinhaltet damit eine vierte Lösungsoptionen, die in der Beratung beschritten werden könne: Weder das Eine, noch das Andere und auch nicht Beides (nämlich etwas ganz anderes, das bis jetzt noch nicht in den Aufmerksamkeitsfokus gekommen ist).

Der Autor stellt dann im Folgenden verschiedene Konzepte vor, mit denen diese vier Lösungsoptionen beschritten werden können.

Inneres Team und Hypnosystemische Körperarbeit würden die verschiedenen Alternativen sichtbar machen und dabei helfen, die Entscheidung zwischen „Das“ und „Nicht-Das“ zu erleichtern; sie würden z.T. aber keine Antworten darauf geben, wie bei einem völligen Gleichgewicht der Alternativen vorgegangen werden solle. Sie könnten Informationen generieren, geben aber keine Hinweise auf einen weiterführenden Prozess, wie mit den gewonnenen Informationen weitergearbeitet werden soll. Auch die erlebte Notwendigkeit zur Entscheidung könne hier nicht dargestellt werden.

Die Aufstellungsarbeit eröffne laut dem Autor (er bezieht sich hier rein auf die systemisch-konstruktivistische in Abgrenzung zur phänomenologischen Aufstellungsarbeit) die Möglichkeit, die Notwendigkeit zur Entscheidung mit einzubeziehen. Zum weiteren Umgang mit den gewonnenen Informationen aus der Aufstellungsarbeit würde je nach Theorieausrichtung des Aufstellers die Aufstellung an sich wirken oder in einer anschließenden Beratung mit den Informationen weiter gearbeitet werden.

Die spezifischen Möglichkeiten der von Sparrer und Varga von Kibéd entwickelten Tetralemma-Aufstellung inkl. der fünften Option, dem „freien Element“ (die Negation der Negation und die Negation wiederum dieser), werden hier nicht erwähnt.

Die Begrenzung in den drei o.g. Möglichkeiten liege für Bäumerich darin, dass sie „keine neuen Alternativen“ schaffen, sondern versuchen würden, „eine Entscheidung zwischen den bekannten Möglichkeiten herbeizuführen“ (S. 88). Damit entsprächen sie der ersten dialektischen Ebene des Tetralemmas („Das“ ODER „Nicht-Das“). Werden nun diese bekannten Alternativen als gleich-wertig betrachtet, so komme es bei einer Entscheidung immer zu einem hälftigen Verlust.

Bäumerich schlägt das Verfahren der Mediation vor, um hier Lösungen außerhalb der bekannten Möglichkeiten zu suchen (zweite dialektische Ebene: „Das“ UND „Nicht-Das“). Die hinter den Alternativen stehenden Interessen sollen herausgearbeitet und neue Lösungsmöglichkeiten gesucht werden. Für mich waren hier Parallelen zu Ansätzen wie dem Harvard-Negotiation-Project oder dem Six-Step-Refraiming des NLP erkennbar.

Die Mediation habe die Handlungsebene im Blick; auch die hinter dem Erleben stehende Motivation, sich entscheiden zu müssen, könne und solle herausgearbeitet werden; so könne das Dilemmaerleben wieder auf ein Ambivalenzerleben zurückgeführt werden. An diesem Ambivalenzerleben selbst könne nun weiter gearbeitet werden.

Mit der Arbeit auf den ersten beiden Ebenen könne nicht ausgeschlossen werden, dass Ambivalenz- und Dilemmaerleben in Zukunft in ähnlichen Situationen erneut auftrete. Teilweise sei daher es nötig, an den dahinter stehenden, tiefer liegenden Schwierigkeiten anzusetzen:

Um die tieferen Wurzeln von Ambivalenz oder Dilemma zu erfassen, ist es notwendig sich zu vergegenwärtigen, dass jeder Unterschied eine Konstruktion ist. Unterschiede sind weder notwendig […], sondern sie entstehen durch Unterschiedsbildung. […]. Die Erkenntnis in die Konstruktion des Unterschieds eröffnet die Möglichkeit, die gebildeten Unterschiede zu verändern und neue Unterschiede zu bilden“ (S. 99f).

Mit der Arbeit an der Wahrnehmung sowie der Unterschiedsbildung (den inneren Deutungsmustern) mit dem Ziel, eine Veränderung des emotionalen Bezugsrahmens (die Art der Bedeutungsgebung) einzuleiten, wird damit auf der dritten dialektischen Ebene (die Negation von „Das“ UND „Nicht-Das“) angesetzt. Es wird grundsätzlich die Dilemma- oder Ambivalenzkonstruktion als solche in Frage gestellt. Auf welche Weise genau dies geschehen soll, wird hier jedoch nicht ausgeführt sondern nur skizziert; es wird allerdings auf entsprechende Literatur verwiesen.

Am Ende des Buches verweist Bäumerich darauf, dass alle Lösungsoptionen ihre Berechtigung haben und nicht eine als „besser“ oder „höherwertiger“ angesehen werden kann. Er beschreibt darüber hinaus Ambivalenz als Ressource, da (unter Wertschätzung der als belastend erlebten Situation des Betroffenen) die hinter dem Ambivalenz-Erleben anerkennenswerte Anliegen herausgearbeitet werden können, das Erleben selbst als wertvoll begriffen werden kann und durch die durch Ambivalenz- oder Dilemmaerleben hervorgerufene Verzögerung (einer Entscheidung) „Raum entstehen [kann], um ausreichend und umfassend überlegte Entscheidungen zu treffen“ (S. 113).

Für mich lieferte das Buch eine nachvollziehbare Klarheit in der Betrachtung von Ambivalenz(erleben). Die dialektischen Ebenen und die Verbindung mit Möglichkeiten der Arbeit gaben mir ein gut strukturiertes Konzept, welches ich selber als „Hintergrundfolie“ in meiner Arbeit als Coach und Supervisor verwenden kann.

Die Wertschätzung von Ambivalenz (bzw. das Erkennen eines Dilemmas) und Verzögerung und ihre Betrachtung als notwendige Bestandteile von Übergangsphasen ist für mich ein wohltuender Gegenpol zu der meiner Erfahrung nach v.a. im klinischen Kontext häufig anzutreffenden Haltung, dass Unentschlossenheit beim Patienten als „fehlendes Commitment“ verstanden und damit entwertet wird. Bäumerichs Darstellung der Struktur von Ambivalenz und Dilemma lieferte für mich auch theoretisches Handwerkszeug, welches erklärt, warum eine Erhöhung von Leid (wie es tlw. als „Lösung“ bei Unentschlossenheit vorgeschlagen wird) nicht zu einer Entscheidungskompetenz führt (da höheres Leid weder die wahrgenommene Gleichwertigkeit der Alternativen aufhebt, noch den Druck zur Entscheidung mindert).

Das Buch war von seinem Aufbau und der Sprache eingängig und aufgrund seiner Seitenanzahl auch in überschaubarer Zeit gut zu lesen. Eine bereits vorhandene Beratungskompetenz beim Leser sollte allerdings vorhanden sein, da ein Wissen um methodische Konzepte wie das Innere Team oder eine Idee davon, wie mit emotionalen Bezugsrahmen gearbeitet werden kann, das Verstehen des Textes erleichtert.

Ich empfehle das Buch jedem, der im Beratungskontext (als Coach, Supervisor oder Berater) arbeitet und sehe hier auch gleichzeitig die Anwendung für den therapeutischen Kontext.

 

Stephan Druckrey
Coach, Supervisor
www.druckrey-coaching.de

 

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