Von Klopapier und polynesischem Segeln….

Zwei verschiedenen Sichtweisen begegne ich zuweilen. Die eine besagt, dass Menschen sich in ihrem Denken und Erleben vorhersagen lassen. Viele Strategiekonzepte, aber auch kognitiv ausgerichtete Therapieverfahren bauen auf dieser Annahme auf. Wer kennt es nicht, den Augenblick, wo man erkannt hat, wie die Menschen „ticken“ und man mit seiner Planung exakt das beim Anderen erreicht hat, was man sich vorgenommen hat?

Die andere Sichtweise besagt, dass Menschen nicht triviale Maschinen sind, sondern Wesen, deren Erleben und Verhalten nicht-linearen, dynamischen Strukturen unterliegen und deswegen nicht vorhersagbar sind. Wer kennt es nicht, den Augenblick, wo man dem anderen eine Freude bereiten oder ein nettes Wort sagen wollte und man nur Unverständnis erntete?

Nun denke ich, dass wir Menschen uns tatsächlich in gewisser Weise in vorhersagbaren Bahnen bewegen. Wenn ich ein Seminar gebe und den Teilnehmern zur Begrüßung meine Hand reichte, hat mir noch niemand seinen Fuß entgegengestreckt, sondern ausnahmslos immer seine Hand. Und als ich in den Raum wies und „Nehmen sie Platz“ sagte, hatte sich noch niemand auf einen Tisch oder den Fußboden gesetzt (sondern immer auf einen Stuhl). Es scheint so, dass wir Menschen uns zum einen in unseren Handlungen ähneln und zum anderen, dass wir gewisse Ausgänge von Handlungsabläufen mit hoher Wahrscheinlichkeit als sicher annehmen können.

In diesem Blog wird dies auf grafische Art dargestellt. So scheint es bei Menschen zum Beispiel eine individuell bevorzugte Abrollrichtung für Klopapier zu geben – entweder nach vorne oder nach hinten an der Wand (eine Frage, die übrigens zur Great Toilet Paper Debate führte…).

Auch bei anderen Aspekten scheint es so, dass Menschen nicht willkürlich und chaotisch reagieren, sondern sich in bestimmten Bahnen bewegen Bahnen von Gewohnheiten, Erfahrungen, kulturellen und gesellschaftlichen Prägungen, moralischen und juristischen Normen, usw.

Jegliche menschliche Interaktion scheint doch darauf aufzubauen, dass der andere ein mehr oder weniger zu erwartendes Verhalten zeigt. Wie sollte sonst ein Vorstellungsgespräch, ein Flirt, ein Small Talk zwischen Fremden an der Bushaltestelle usw. denn sonst funktionieren? Man stelle sich nur vor, dass unabhängig davon, wie man sich selber verhält, der Gesprächspartner in absolut unvorhergesehener Weise reagieren würde – menschliches Zusammenleben wäre nicht mehr möglich. Verbunden mit der entsprechenden Erfahrung sollte es dann doch möglich sein, zumindest mit hoher Wahrscheinlichkeit abschätzen zu können, wie ein Mensch reagieren wird.

Andererseits….

…warum treten dann oftmals nicht die gewünschten Ergebnisse von Interventionen ein (der Coach macht eine geniale Intervention, aber außer ihm hat es keiner bemerkt…)? Weil Menschen dann eben doch nicht nach immer gleichen Algorithmen und Parametern handeln und arbeiten (Ausnahmen bestätigen die Regeln, mit diesen geht man aber meist nach Feierabend kein Bier mehr trinken). In der Prospect Theory von Kahneman und Tversky wird zum Beispiel Entscheidungsverhalten von Menschen in Abhängigkeit von kognitiven Verzerrungen betrachtet.

Für Coaching und Supervision verwende ich gerne eine Synthese von beiden Sichtweisen. Ich denke, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit (<100% !) die meisten Menschen (nicht alle!) sich in einem Rahmen bewegen, dessen Grenzen abschätzbar sind. Innerhalb dieses Rahmens ist es ungewiss, wie ein Mensch auf eine bestimmte Aktion reagieren wird.

Von Gunther Schmidt habe ich die Metapher des »polynesischen Segelns«. Vereinfacht gesagt besagt dies folgendes: als vor langer Zeit die polynesischen Völker sich entschlossen, nach neuen Inseln zu suchen, benötigen sie so etwas wie einen groben Plan (sonst wäre keiner auf die Idee gekommen, ohne Grund einfach loszufahren). Da es notgedrungen jedoch kein klarer Plan mit einem vorgegebenen Ziel sein konnte („Am 123 Tag werden wir eine mittelgroße Insel mit viel Vegetation erreichen“), konnte das Ziel und damit der Plan nur vage sein. Eine Mischung aus Klarheit und Vagheit war nötig.

Die klare Vision half, einen Handlungsimpuls zu setzen und die notwendige „Reaktionsenergie“ freizusetzen. Die Akzeptanz einer gewissen Unklarheit und Unvorhersagbarkeit half, sich flexibel auf sich ändernde Bedingungen einzustellen.

Mit Hilfe dieser Metapher bewegen sich meine Klienten im Coaching auf sichere Weise im Graubereich zwischen Klarheit und Unkenntnis. Die Klarheit gibt die notwendige Orientierung, die Unkenntnis (und ihre Akzeptanz) hilft, auf unvorhergesehene Wendungen flexibel reagieren zu können.

Wer mehr darüber erfahren möchte: individuelles Coaching

 

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